Kinder verstehen & begleiten · Medien & Bildschirmzeit

Wenn Zeichentrick zur Dauerbeschallung wird: Was heutige Kinderserien mit Kindern machen

Früher lief eine Folge, und dann war sie vorbei. Heute läuft die nächste von selbst. Mich beschäftigt, was das mit Kindern macht, und warum ich die alten Zeichentrickfilme so vermisse.

Mein Sonntag um fünf Uhr

Wenn ich an Zeichentrick denke, denke ich an Sonntagmorgen. Um fünf oder sechs Uhr kam auf Sky Channel, einem amerikanischen Sender, eine Serie nach der anderen. Meine Eltern schliefen noch, und ich hatte den Fernseher für mich allein. Ich habe alles auf Englisch geschaut, und für mich war das jedes Mal ein Highlight.

Meine Lieblinge waren Emily Erdbeer, Regina Regenbogen, die Poppels, He-Man und She-Ra, die Raccoons, Teddy Ruxpin und noch einige mehr. Unter der Woche gab es das Sandmännchen und im ZDF Zini mit den Zeichentrickfilmen. Aber der Sonntag gehörte mir.

Diese Stunde war besonders, weil sie nicht immer da war. Sie hatte einen Anfang, und sie hatte ein Ende. Das ist der größte Unterschied zu heute.

Bunt, laut, schnell und immer weiter

Viele heutige Kinderserien, vor allem auf YouTube, haben eines gemeinsam: Es passiert unglaublich viel in unglaublich kurzer Zeit. Die Bilder wechseln alle paar Sekunden, die Farben sind grell, im Hintergrund blinkt und glänzt es, die Musik hört nie auf. Kaum ist eine Szene zu Ende, beginnt die nächste.

Das hat einen Grund. Plattformen und Produzenten verdienen daran, wenn Kinder dranbleiben, und mit Autoplay startet die nächste Folge einfach von allein. Ein Kind muss gar nicht erst entscheiden, ob es aufhören möchte. Und wenn man das Gerät dann ausschaltet, folgen oft Wut und Tränen, weil das Kind mitten aus einer anderen Welt gerissen wird.

Was die Forschung sagt

Bei diesem Thema ist manches belegt und manches nicht, und das möchte ich auseinanderhalten.

Belegt ist zum Beispiel eine bekannte amerikanische Studie von 2011 (Lillard und Peterson). 60 vierjährige Kinder sahen neun Minuten lang entweder eine sehr schnelle Zeichentrickserie oder eine ruhige Bildungssendung, oder sie malten. Danach sollten sie Aufgaben lösen, bei denen es um Konzentration, Geduld und Selbstkontrolle ging. Die Kinder aus der Gruppe mit der schnellen Serie schnitten deutlich schlechter ab. Die Studie war klein, und sie zeigt nur die Wirkung direkt danach. Trotzdem passt sie zu dem, was viele Eltern und Erzieherinnen erzählen: Nach viel Schnellem sind Kinder oft unruhiger und schwerer zu erreichen.

Die deutschen Fachgesellschaften empfehlen in ihrer Leitlinie für Kinder von drei bis sechs Jahren höchstens etwa 30 Minuten Bildschirmmedien, und nicht allein. Unter drei Jahren sollten Kinder möglichst gar nicht vor dem Bildschirm sitzen. Die Quellen stehen am Ende des Artikels.

Wenn Farben flackern

Mich beunruhigt besonders das Blitzen und Flackern im Hintergrund. Wie ernst das sein kann, weiß man seit 1997. Damals lief in Japan eine Folge der Serie Pokémon mit schnell wechselnden roten und blauen Lichtblitzen. Hunderte Kinder kamen mit Kopfschmerzen, Schwindel und Krämpfen ins Krankenhaus. Seitdem gibt es für Fernsehsendungen Regeln gegen solche Effekte.

Auf Videoplattformen kann dagegen fast jeder Inhalte hochladen, und niemand prüft vorher, wie sie auf Kinder wirken. Ob grelle Reize Kinder tatsächlich abhängig machen, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Sicher ist nur, dass solche Angebote mit der Aufmerksamkeit der Kinder Geld verdienen.

Wo ist das Kindliche geblieben?

Ich sehe mir heutige Kinderserien manchmal an und frage mich, was daran eigentlich noch kindlich ist. Glänzende Oberflächen, überdrehte Gesichter, Figuren, die für mich eher wie Plastikspielzeug aussehen als wie Wesen, die man ins Herz schließen kann. Auf mich wirkt vieles so, als sei es vor allem dafür gemacht, aufzufallen und festzuhalten.

Die alten Filme waren von Hand gezeichnet und gemalt. Man hat die Liebe zum Detail gesehen: den weichen Strich, die ruhigen Hintergründe, die warmen Farben. Die Figuren hatten Gesichter, in denen ein Kind lesen konnte.

Auch Klassiker wie die Biene Maja gibt es inzwischen als Computerserie, und DuckTales wurde komplett neu gezeichnet. Bei DuckTales tut es mir besonders weh. Manche Kinder mögen diese neuen Fassungen, und das sei ihnen gegönnt. Für mich sind es nicht mehr dieselben Figuren. Mit der gezeichneten Wärme ist auch das ruhige Tempo verschwunden und die Zeit, in der etwas passieren darf, ohne dass gleich wieder etwas explodiert.

Was Eltern tun können

Ich möchte niemandem ein schlechtes Gewissen machen. Wer müde ist, braucht manchmal eine Viertelstunde Ruhe, und das ist in Ordnung. Ein paar kleine Dinge helfen trotzdem:

  • Autoplay ausschalten, damit nach einer Folge wirklich Schluss ist. Das Ende bewusst zu erleben, hilft Kindern beim Loslassen.
  • Ruhige Sendungen mit langsamem Schnitt und gezeichneten Bildern wählen. Die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender sind oft eine bessere Wahl als frei laufende Videoplattformen.
  • Wenn es geht, gemeinsam schauen und danach fragen: Was hast du gesehen? Wie hat sich die Figur gefühlt?
  • Nicht kurz vor dem Schlafen schauen. Die Ruhe am Abend ist wichtiger als die letzte Folge.
  • Danach etwas Schönes machen, zum Beispiel spazieren gehen, malen, vorlesen oder spielen.
  • Beobachten, wie das Kind nach dem Schauen ist, ruhig und zufrieden oder aufgedreht und mürrisch. Das sagt oft mehr als jede Studie.

Geschichten, die Zeit lassen

Ich schreibe Kinderbücher, weil Kinder Geschichten brauchen, die ihnen Zeit lassen. Sie dürfen umblättern, wann sie möchten, Bilder lange anschauen und Figuren in Ruhe kennenlernen. Ein Buch wartet, bis das Kind bereit ist.

Die Bilder in Emmas geheimer Welt sollen deshalb bewusst an die handgezeichneten Kinderbilder und Zeichentrickfilme der 80er und 90er Jahre erinnern, mit weichen Linien, warmen Farben und Figuren mit Charakter. Sie entstehen nach meinen Vorstellungen, und die Idee, die Figuren und das Gefühl dahinter kommen von mir.

✨ Ein Tintenzauber-Gedanke

Ich wünsche mir, dass Kinder wieder öfter so etwas erleben dürfen wie meinen Sonntagmorgen: eine Stunde, die sich besonders anfühlt, weil sie irgendwann zu Ende ist.

Martina Hombach · Tintenzauber Verlag®

Quellen und Hinweise

Dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autorin wieder und ersetzt keine medizinische oder pädagogische Beratung. Bei Sorgen um Ihr Kind sprechen Sie bitte mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderärzt.

  • Lillard, A. S. & Peterson, J. (2011): The Immediate Impact of Different Types of Television on Young Children’s Executive Function, Pediatrics. Zusammenfassung: ScienceDaily
  • S2k-Leitlinie „Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs bei Kindern und Jugendlichen“ (2023, AWMF): Leitlinie als PDF
  • „Pokémon-Schock“ 1997: Mental Floss